In 60 Jahren wird unsere Generation die letzte sein, die vom Mauerfall berichten kann. Doch man sollte uns nicht trauen. Der Psychologe Reinhard Beyer erklärt, warum.
Reinhard Beyer, Psychologe
Der Mauerfall ist 20 Jahre her. Welcher Jahrgang wird denn der letzte sein, der noch eigene Erinnerungen daran hat?
Die Erinnerungsleistung ist bei jedem Menschen unterschiedlich, aber drei, vier Jahre sind normalerweise der Bereich, in dem die ersten Erinnerungen gespeichert werden. Bezogen auf den Mauerfall sind es also die Jahrgänge ab 1986.
Wovon hängt es ab, ob man sich an den Mauerfall erinnert?
Entscheidend ist, welche Bedeutung das Ereignis für das eigene Leben hat. Für ein Kind in Berlin war der Mauerfall ein größerer Einschnitt als für ein Kind in Süddeutschland. Daher wird das Kind in Berlin auch mehr Erinnerungen daran haben. Allgemein gilt: Extrem emotionale Dinge, wie etwa der Mauerfall, werden besonders gut behalten, während neutrale Dinge eher vergessen werden.
In 50 Jahren wird unsere Generation die letzten Zeitzeugen stellen. Wie wird unser Bericht dann aussehen?
Im Laufe der Zeit vermischen sich eigene Erinnerungen und Erzählungen immer mehr. Und manches, was ich in Wirklichkeit nie erlebt habe, glaube ich zu erinnern. Außerdem verändert sich die Wahrnehmung der eigenen Person: Ich sehe meine Rolle in den Ereignissen in der Regel immer positiver und nehme mich häufig als wichtiger wahr, als dies in der Realität der Fall war. Die eigene Rolle wird überschätzt, vieles Negative wird ausgeblendet und mögliche Fehler, die man selbst gemacht hat, werden manchmal umgedeutet.
Warum ist das so?
Jeder Mensch hat ein Selbstbild. Dieses Selbstbild soll möglichst positiv sein. Deshalb versucht man oft, alles so zu deuten, dass es in dieses Selbstbild passt. Man hat immer den Wunsch, gut vor sich selbst dazustehen. Und so biege ich mir nach und nach meine Vergangenheit so zurecht, dass sie stimmig mit meinem Selbstbild ist.
Ist es dann überhaupt sinnvoll, Zeitzeugen zu befragen?
Ja, das ist durchaus sinnvoll. Man kann im Prinzip Erinnerungen über die ganze Lebensdauer aufbewahren. Aber man muss sehr vorsichtig sein, denn die subjektiven Gedächtniseintragungen über die objektive Realität werden über die Jahre stark verändert. Man sollte schon mehre Quellen befragen, wenn man wissen will, wie es wirklich war.