Totgeglaubte leben länger: Die Freie Deutsche Jugend gibt es immer noch. Inzwischen hat sie sogar Mitglieder im Westen.
Dieses Blau. Es fällt immer noch auf, selbst in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Saal voller fragwürdiger Farbentscheidungen: An mintgrünen Wänden hängen bunte Stillleben, am Fenster weiße Spitzengardinen. Vorn sind drei braune Holztische aufgebaut. Und mittendrin: dieses Blau. Vier Zuschauer im Saal tragen das blaue Hemd, sieben kamen ohne Uniform. Es ist der 20. Jahrestag des Mauerfalls, den die Freie Deutsche Jugend hier, im Erdgeschoss eines Plattenbaus in Berlin-Mitte, betrauert. Denn zum Feiern ist ihnen seit 20 Jahren nicht mehr zu Mute.

Alles fängt damit an, dass kaum einer weiß, dass es sie überhaupt noch gibt. Früher saß die FDJ in einem Kaiserzeit-Bau am Prachtboulevard Unter den Linden. 2,3 Millionen Mitglieder wurden von hieraus als „Helfer und Kampfreserve“ der SED verwaltet. Wer heute die Postadresse der FDJ aufsucht, landet in einem Bürohaus nahe dem Alexanderplatz. Doch ein Büro gibt es nicht. „FDJ? Kommen Sie da nicht ’n paar Jahre zu spät?“, fragt der Pförtner. Aus der Massenorganisation ist eine Briefkastenfirma geworden. Ihre Nachbarn: ein Designbüro, Steuerberater und „Wohlfühlen mit Shiatsu“. Auf einem weißen Kasten in der untersten Reihe steht ein bisschen verloren: „fdj“.
Der „sogenannte Mauerfall“
„Die bürgerlichen Medien schweigen uns tot“, sagt FDJ-Mitglied Ringo Ehlert, 32. Er trägt blaue Jeans und ein ausgewaschenes FDJ-T-Shirt. Wenn er redet, nicken die Menschen im mintgrünen Saal. Ehlert, gelernter Maurer aus Mecklenburg-Vorpommern, war von 2004 bis 2007 Vorsitzender des FDJ-Zentralrats. Er kennt die Sprache der Basis: Hier heißen die fünf neuen Länder noch „DDR“. Es gibt nur den „sogenannten Mauerfall“ und die „sogenannte Wiedervereinigung“. Lieber nutzen sie Begriffe wie „Annexion“ oder „Einverleibung“.
Ehlert sprintet durch die Geschichte, redet schnell, verschluckt Worte, weil er schon bei der nächsten Gewissheit ist. Nachfragen beantwortet er nicht so gern. Wenn er ein Lehrbuch schreiben würde, dann stünde darin: Die Hauptschuld am Mauerbau? „Tragen Kriegsverbrecher-Kreise um Adenauer.“ Die Unfreiheit der DDR-Bürger? „Kein zu großer Preis für die längste Friedensperiode in Europa.“ Und die DDR-Wirtschaft? „Stand nie vor einem Kollaps.“ Doch die Medien, klagt Ehlert, berichteten immer nur über sein schütteres braunes Haar. Für Fotoaufnahmen zieht er sich heute lieber einen Pullover über das blaue Shirt mit der gelben Sonne.
Im Westen heißt es: “Ach, haut doch ab!”
Im Einigungsvertrag wurde die FDJ 1990 nicht verboten. Wie viele Mitglieder es noch gibt, will Ehlert aber nicht sagen. Er klingt ein bisschen stolz, wenn er erzählt, dass der Verfassungsschutz sie beobachte. Behörden und Journalisten schätzen die Zahl der Anhänger auf „ein paar Dutzend“, vielleicht auch 200. Die Gruppen verteilen Flugblätter an Schulen, veranstalten Demos oder Seminarreisen. Die jüngsten Mitglieder sind 16, der Altersschnitt liegt bei 20, so Ehlert. Mitglieder gibt es in Städten wie Berlin oder Dresden – aber auch im tiefen Westen der Republik.
Zum Beispiel in Köln. Dort lebt Anita, 31, Ärztin – und Mitglied im Zentralrat. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Die Reaktionen auf die FDJ seien im Westen oft feindlich: „Ach, haut doch ab!“, heißt es. „Zurück nach drüben!“
Kurze Geschichte der FDJ
1936-1939: Erste Gruppen in Paris, Prag und London.
1946: Neuzulassung der FDJ. Gruppen gibt es in allen Besatzungszonen.
1951: Die FDJ wird in der BRD verboten. Sie hatte gegen die Wiederbewaffnung protestiert.
1957: Die FDJ bezeichnet sich als „Helfer und Kampfreserve“ der SED. Ihre Aufgaben: FDJ-Nachmittage, Reisen oder Kulturveranstaltungen organisieren, die Jugendliche „marxistisch-leninistisch“ prägen.
1985: Etwa 2,3 Millionen Mitglieder sind in der FDJ – 80 Prozent der 14- bis 25-Jährigen.
1989: Zum 40. Geburtstag der DDR marschiert die FDJ mit einem Fackelzug an der DDR-Führung vorbei.
1990: Die FDJ wird im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR nicht verboten. Sie organisiert sich um, verliert aber fast alle Mitglieder.
„Die DDR nicht verteufelt“
Anita kommt tatsächlich von „drüben“, aus Sachsen-Anhalt. Der FDJ näherte sie sich aber erst, als sie nach ihrer Lehre 1999 auf Arbeitssuche nach Frankfurt am Main zog, wo sie später ein Medizinstudium begann. Sie fragte sich: Warum muss ich aus meiner Heimat weg? Warum verödet der Osten? War es früher besser? In Frankfurt gab es eine FDJ-Gruppe, und Anita machte mit. Ihr gefällt, dass die Organisation „die DDR nicht verteufelt“.
Anita kritisiert vieles, was auch außerhalb der FDJ als Missstand empfunden wird: ungleiche Löhne in Ost und West, Afghanistan-Einsatz, zu wenig Kitas. Sie spricht ruhig, überlegt lange, bevor sie antwortet.
Vielleicht steht Anita für so etwas wie den Realo-Flügel der FDJ, wenn es ihn denn gibt.
Ein neuer Name kommt nicht in Frage
In Berlin ist der Ton an diesem Novembertag ein anderer. Die FDJ hat einen Redner eingeladen, der sich als „Hansi aus dem Ruhrgebiet“ vorstellt. Früher war er Banker, heute Lehrer und Kommunist. Knapp zwei Stunden lang wirft er Jahreszahlen in den Raum, die die misslungene Einheit zwischen Ost und West belegen sollen: 1525, 1871, 1873 sind dabei. 1923, 1946, 1789. Dann 2009. Luther und Liebknecht schwirren umher, Bismarck, Hitler, Voltaire, zu Guttenberg. Das Fazit: „Eins und eins bleibt zwei.“
Die FDJ fordert, dass die Ostdeutschen abstimmen dürfen, ob sie weiter zur BRD gehören wollen. Außerdem soll der Westen die Ost-Industrie wieder aufbauen und auch die Rotarmisten-Denkmäler. Die FDJler stellen diese Forderungen bewusst unter dem wohlbekannten Namen. Ein neuer, unbelasteter komme nicht in Frage: „Das wäre eine Kapitulation. Wofür sollten wir uns denn entschuldigen?“ fragt Ehlert empört. „Wir würden von dem Kakao trinken, durch den die Bourgeoisie uns zieht!“ Im Osten gebe es zudem häufig Applaus bei FDJ-Demos. Immer wieder wollen alte Mitglieder, die die FDJ noch aus ihrer Kindheit kennen, mitmachen.
Alle Bücher von Otto Grotewohl
Auch zum Jahrestag des Mauerfalls sind drei ältere Frauen gekommen. „Als Wessi hab‘ ich mir ja damals alle Bücher von Otto Grotewohl gekauft“, erzählt Referent Hansi mit einem Blick in die Runde. Ihn habe „die DDR so sehr interessiert“, dass er alle Schriften ihres ersten Ministerpräsidenten lesen wollte.
Da lacht eine der Frauen: „Das haben ja nicht mal wir gemacht!“