Régis Bossu ist ein Mensch, der sich gerne zurückhält, auch wenn das nicht zu seinem Beruf passt. Er müsste sich nach vorne drängen, damit er den besten Augenblick treffen kann, den er immer erst hinterher kennt. Er ist kein Künstler und betrachtet sich auch nicht als solcher. Régis Bossu ist Pressefotograf.
Auch im Oktober 1979 steht er nicht in der ersten Reihe, sondern hinter den Kollegen mit ihren großen Apparaten, aber diesmal ist das sein Glück. Leonid Breschnew beendet eine Rede zum 30. Jahrestag der DDR. Er nimmt seine Brille ab. Er breitet die Arme aus und schürzt die Lippen. Da drückt Régis Bossu auf den Auslöser seiner Nikon. Erich Honecker neigt seinen Kopf etwas mehr zur Seite als Breschnew, beide halten die Augen geschlossen, als würden sie sich ganz dem Moment hingeben. Die Lippen aufeinander gedrückt, zärtlich, ineinander verschlungen, zwei graue und faltige Männer. Später gibt die französische Foto-Agentur dem Bild einen Namen, als sie es an Redaktionen verschickt, „Le Baiser“, der Kuss, als wäre es das berühmte Bild eines Malers.
Elf Jahre später war dieser Kuss für einen Maler aus Moskau Symbol für sein Liebesleid. Dmitri Vrubel musste sich zwischen zwei Frauen entscheiden, weshalb er „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überstehen“ unter das Bild schrieb, nachdem er es auf die Berliner Mauer gemalt hatte. Honeckers Hautfarbe wirkt grünlich, Breschnews babyrosa, sonst sieht das Gemälde aus wie das Schwarzweiß-Foto von Bossu, die Innigkeit, die Neigung der Köpfe, die Haut, die über Breschnews Kragen quillt.
Gerade hat Vrubel das Bild ein zweites Mal auf das 1,3 Kilometer lange Stück Mauer an der Mühlenstraße in Berlin gemalt, das heute East Side Gallery heißt. Zeit, Abgase und Sprayer haben ihre Spuren hinterlassen. Deshalb sollen die Künstler genau das wiederholen, was sie vor zwanzig Jahren machten, als sie auf einem Stück Mauer festhielten, was sie bei ihrem Fall fühlten.
Von den 106 Gemälden der East Side Gallery ist der Bruderkuss das berühmteste. Er wurde wieder fotografiert, von Touristen und Pressefotografen. Man kann ihn auf Postkarten verschicken und auf der Brust tragen, weil er inzwischen auch auf Minikleider gedruckt wird. Andere haben auf ein Foto von dem Bild an der Mauer über die Augen und Lippen der Politiker Kreise und bunte Tupfer gemalt und das Ergebnis als Postkarten verschickt. Der Augenblick, den Régis Bossu vor dreißig Jahren festhielt, wurde erst Kunst und dann Kult.
Anfang Oktober 1979 haben sie sich oft geküsst, Leonid Breschnew und Erich Honecker, zur Begrüßung, zum Dank für eine Rede, zum Abschied, auf die Wangen, auf den Mund. Zwar bedeutete der Bruderkuss mehr als das Händeschütteln anderer Staatsmänner, war aber doch nur ein formelles Begrüßungsritual unter Sozialisten. Wenn man das Bild von Bossu heute betrachtet, scheint es, als wäre es damals nur um den einen Kuss gegangen. Zwei Menschen und das Ende einer Sehnsucht.
Damals fotografiert Régis Bossu für Sygma, eine der großen französischen Agenturen. Er ist nicht besonders kräftig, eher zart. Er lächelt höflich in jede Richtung und entschuldigt sich, wenn er mit dem Ellbogen einen Kollegen stößt. Später wird er immer eine Leiter zu Presseterminen mitbringen, damit er von hinten einen guten Blick hat. Jetzt hat er nur das Teleobjektiv, das er auf seine Kleinbildkamera schraubt, weil er mit dem Weitwinkelobjektiv aus dieser Entfernung nicht scharf aufnehmen kann. Er muss sich für Details entscheiden und konzentriert sich aufs Wesentliche. Aber das lässt sich nur im Rückblick sagen.
Für ein gutes Bild muss ein Fotograf ein Gespür für den perfekten Augenblick haben, und die technische Qualität muss stimmen. Bei Régis Bossu fiel beides zusammen. „Ich habe Glück gehabt“, sagt er, genauer: „isch abe Glück ge-abt“. Sein Akzent ist stark, auch nach 35 Jahren, die er in Deutschland lebt. Régis Bossu arbeitete in der Bildredaktion von „Stares and Stripes“ in Frankreich, einer Zeitschrift für amerikanische Soldaten im Auslandseinsatz. Als die Amerikaner aus Verdun abzogen, verlegte sich die Redaktion nach Darmstadt, Régis Bossu zog mit und begann, zu fotografieren. Es waren goldene Jahre für Fotografen, damals. Am Wohnzimmertisch seines Reihenhauses in Griesheim bei Darmstadt blättert sich Régis Bossu durch einen Stapel Zeitungsseiten. Man sieht sein Foto und Fotos, die seinem ähnlich sind, aber auf denen der Kuss bloß aussieht wie eine Begrüßung zwischen sozialistischen Politikern. Ein Kontaktabzug zeigt den Ablauf des Empfangs, 36 Miniaturfotos auf schwarzem Grund. Die Politiker kommen herein. Sie nähern sich, sehen zu den Fotografen, stehen hinter einem Pult und reden, der Kuss. Es gibt mehrere Aufnahmen davon, aber nur eine wird von den Redaktionen ausgewählt. Die Zeitschrift „Paris Match“ war die erste, die sie druckte, auf einer Doppelseite; ein Erfolg für einen Fotografen. Es folgten der Stern, die Bunte, das Time Magazine, schließlich Tageszeitungen. „Ich könnte inzwischen mein Wohnzimmer mit dem Foto tapezieren“, sagt Bossu. Er spricht mit leiser Stimme, langsam, und wirkt irgendwie immer noch ein wenig verwundert. Regelmäßig bekommt er seinen kleinen Anteil überwiesen, wenn die Agentur es an Redaktionen verkauft hat. Aber auch Firmen werben damit, die Deutsche Bahn für Fahrten nach Berlin, Vodka-Hersteller und Telekommunikationsanbieter. Manchmal muss Régis Bossu um sein Honorar streiten. Dieses Bild habe ein russischer Künstler auf die Mauer gemalt, hört er dann, es sei für alle da.
Es gibt ein Foto auf Régis Bossus Wohnzimmertisch, das zeigt, wie er seiner Frau vor dem Bild an der Mauer einen Kuss gibt. Der Sohn hat es gemacht, aber nur den Augenblick getroffen, als sie sich schon wieder voneinander lösen. Régis Bossu war seit 1990 immer wieder in Berlin, und irgendwann sei das Bild auf der Mauer gewesen. Aber den, der es gemalt hat, hat er erst vor wenigen Wochen getroffen. Er brachte einen großen Abzug des Fotos mit, darauf eine Widmung für den Künstler. Unterhalten haben sie sich nicht. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, und sie sind auch sonst sehr verschieden. Der eine ein wuscheliger Künstler aus Moskau, dem die Zeit nur wenige Zähne gelassen hat. Der andere ein französischer Fotograf, der sich wünscht, dass irgendwann unter dem Bild an der Mauer neben dem des russischen Künstlers auch sein Name stünde. Dann würde man ihn auf all den Fotos des Gemäldes sehen, das nach seinem Foto entstanden ist, wenn auch ganz klein.